Fairen Wert einer Aktie berechnen — und warum die Methoden sich widersprechen

Stand: 26. Oktober 2026

Wenn du den fairen Wert einer Aktie berechnen willst, findest du nicht ein Verfahren, sondern mehrere: den Discounted Cashflow, Multiplikatoren wie das KGV und das Dividendenmodell nach Gordon. Alle rechnen mit denselben Geschäftszahlen, und trotzdem kommen sie für dasselbe Unternehmen auf verschiedene Werte. Diese Seite erklärt, was ein fairer Wert ist, wie die gängigen Methoden funktionieren, welche Eingaben jede braucht und woran die Abweichungen liegen, mit einem Rechenbeispiel aus erfundenen Zahlen.

Wie foliologic. den fairen Wert rechnet, steht auf der Methodik-Seite Der faire Wert — bis zu vier Methoden, und wie sehr sie sich widersprechen. Hier findest du die Grundlagen, die für jede Rechnung gelten, mit welchem Werkzeug du sie auch machst.


Was ein fairer Wert ist — und was nicht

Ein fairer Wert ist eine Schätzung: Er sagt, was ein Unternehmen oder eine Aktie unter bestimmten Annahmen wert ist. Die Annahmen betreffen Cashflows, Wachstum, Risiko und die Frage, womit man das Unternehmen vergleicht. Ändern sie sich, ändert sich die Zahl.

Ein fairer Wert ist deshalb kein Kursziel. Ein Kursziel nennt, wo ein Kurs zu einem Zeitpunkt stehen kann. Ein fairer Wert zeigt, was die gewählten Annahmen rechnerisch hergeben. Ob ein Kurs sich in diese Richtung bewegt, und wann, sagt die Rechnung nicht.

Für das Lesen der Verfahren hilft eine Unterscheidung. Absolute Verfahren (Discounted Cashflow, Dividendenmodell) leiten den Wert aus den Zahlungen ab, die ein Unternehmen erwirtschaftet. Sie hängen an Annahmen über die Zukunft. Relative Verfahren (Multiplikatoren) leiten ihn aus den Preisen ab, die der Markt für ähnliche Unternehmen zahlt. Sie hängen an der Wahl der Vergleichsgruppe und übernehmen die Einschätzung des Marktes.


Die gängigen Methoden und was sie brauchen

Discounted Cashflow (DCF)

Der DCF zählt die freien Cashflows zusammen, die ein Unternehmen künftig erwirtschaften soll, und rechnet sie auf heute zurück. Das Zurückrechnen heißt Abzinsen, der Satz dafür ist der Diskontsatz. Die Eingaben:

Der Endwert macht bei einem DCF oft den größeren Teil des Gesamtwerts aus (im Beispiel unten rund drei Viertel). Er hängt an zwei Zahlen, die sich kaum messen lassen: dem Diskontsatz und dem ewigen Wachstum.

Multiplikatoren

Bei Multiplikatoren multiplizierst du eine Kennzahl des Unternehmens mit einem Vergleichswert. Das Verfahren fragt nicht, was das Unternehmen künftig verdienen soll, sondern was der Markt für Vergleichbares zahlt.

Der Vergleichswert kommt entweder aus einer Gruppe ähnlicher Unternehmen, meist als Median, oder aus der eigenen Geschichte des Unternehmens, etwa dem durchschnittlichen KGV der letzten Jahre. Beides ist eine Wahl: Eine andere Gruppe oder ein anderer Zeitraum ergibt einen anderen Wert.

Dividendenmodell nach Gordon

Das Gordon-Modell bewertet eine Aktie als Strom von Dividenden, der mit gleichbleibender Rate wächst: Wert = Dividende im nächsten Jahr / (Diskontsatz − Dividendenwachstum). Es ist dieselbe Formel wie beim Endwert im DCF, angewandt auf die Dividende. Du brauchst die Dividende je Aktie, eine Wachstumsrate und den Diskontsatz. Das Modell bewertet nur den Teil des Gewinns, der ausgeschüttet wird. Bei Unternehmen, die einen spürbaren Teil ausschütten, ist das aussagekräftig; zahlt ein Unternehmen wenig oder nichts, bewertet es nur einen kleinen Teil des Geschäfts oder gar keinen.

MethodeBrauchtReagiert stark auf
DCFfreier Cashflow, Wachstum, Diskontsatz, Endwachstum, Nettoschulden, AktienzahlDiskontsatz und Endwachstum
KGVGewinn je Aktie, Vergleichs-KGVVergleichsgruppe; ob der Gewinn typisch ist
EV/EBITDAEBITDA, Vergleichs-Multiplikator, Nettoschulden, AktienzahlVergleichsgruppe; Bilanzierung von Leasing und Zukäufen
KBVBuchwert je Aktie, Vergleichs-KBVQualität des Buchwerts; Vergleichsgruppe
Gordon-ModellDividende, Wachstum, DiskontsatzAbstand zwischen Diskontsatz und Wachstum; Ausschüttungsquote

Rechenbeispiel: die Beispiel AG

Die Beispiel AG gibt es nicht. Ihre Zahlen sind erfunden und gerundet. Sie zeigen nur, wie viel Spielraum in der Rechnung steckt. Der Kurs kommt in keiner der folgenden Rechnungen vor: Er ist ein Vergleichswert, keine Eingabe.

GrößeBeispiel AG
Freier Cashflow, letztes Jahr100 Mio. €
Aktien100 Mio. (freier Cashflow je Aktie: 1,00 €)
Jahresüberschuss90 Mio. € (Gewinn je Aktie: 0,90 €)
EBITDA150 Mio. €
Dividende je Aktie0,40 €
Nettoschuldenkeine (zur Vereinfachung)

Ein DCF, drei Diskontsätze, drei Wachstumsraten

Annahme für alle Felder: Der freie Cashflow wächst fünf Jahre lang um 5 % pro Jahr, danach dauerhaft mit dem ewigen Wachstum. Der Endwert am Ende von Jahr 5 ist der Cashflow des Jahres 6 geteilt durch (Diskontsatz minus ewiges Wachstum). Er wird wie alle Cashflows auf heute abgezinst. Die 5 % sind eine Rechenannahme, keine Prognose. Ergebnis je Aktie:

Diskontsatzewiges Wachstum 1 %ewiges Wachstum 2 %ewiges Wachstum 3 %
8 %17,13 €19,36 €22,49 €
9 %14,95 €16,56 €18,72 €
10 %13,25 €14,46 €16,02 €

In allen neun Feldern sind die Geschäftszahlen dieselben. Ändert sich nur der Diskontsatz von 8 auf 10 % (bei 2 % ewigem Wachstum), fällt der Wert von 19,36 € auf 14,46 €, rund ein Viertel weniger (25,3 %). Ändert sich nur das ewige Wachstum, steigt der Wert bei 8 % Diskontsatz von 19,36 € auf 22,49 € (3 % statt 2 %, plus 16,1 %) oder sinkt auf 17,13 € (1 % statt 2 %, minus 11,5 %). Der Endwert trägt bei 8 % und 2 % rund 76 % des Werts, bei 10 % und 2 % rund 70 %.

Dieselbe Aktie, andere Methoden

MethodeAnnahmeWert je Aktie
DCFDiskontsatz 8 %, ewiges Wachstum 2 %19,36 €
DCFDiskontsatz 10 %, ewiges Wachstum 2 %14,46 €
KGVVergleichsgruppe A mit KGV 14 × 0,90 €12,60 €
KGVVergleichsgruppe B mit KGV 20 × 0,90 €18,00 €
EV/EBITDAMultiplikator 10 × 150 Mio. € = 1.500 Mio. € Unternehmenswert, durch 100 Mio. Aktien15,00 €
Gordon-ModellDividende 0,40 €, Wachstum 2 %, Diskontsatz 8 %6,80 €
Gordon-ModellDividende 0,40 €, Wachstum 2 %, Diskontsatz 10 %5,10 €

Die sieben Ergebnisse liegen zwischen 5,10 € und 19,36 €, das 3,8-Fache. Schon die zwei KGV-Zeilen unterscheiden sich nur durch die Vergleichsgruppe, nicht durch das Unternehmen: 12,60 € gegen 18,00 €. Das Gordon-Modell liegt deutlich darunter, weil die Beispiel AG nur 0,40 € von 0,90 € Gewinn je Aktie ausschüttet (rund 44 %) und das Modell nur diesen Teil bewertet. Ohne das Gordon-Modell liegen die fünf übrigen Werte zwischen 12,60 € und 19,36 €, das 1,5-Fache.

Keine dieser Zahlen ist falsch gerechnet. Jede ist die Antwort auf ihre eigene Annahme und ihre eigene Frage.


Warum die Methoden sich widersprechen

Die Methoden messen Verschiedenes, und jede hat Stellen, an denen kleine Änderungen viel bewegen. Häufige Gründe:

Dass Methoden auseinanderliegen, ist selbst eine Information: Es zeigt, wie viel der Zahl an Annahmen hängt. Eine enge Streuung ist dagegen kein Beweis, dass die Zahl stimmt. Alle Methoden können dieselbe falsche Eingabe teilen, etwa einen fehlerhaften Gewinn.


Wie foliologic. die Methoden zusammenführt

foliologic. wählt nicht eine Methode, sondern rechnet bis zu vier nebeneinander und zeigt, wie weit sie auseinanderliegen. Die Einzelheiten stehen auf der Seite Der faire Wert: die Gewichte je Aktientyp, die Schwellen der Übereinstimmung und die Fälle, in denen foliologic. keine Zahl zeigt. Die Kurzfassung:

Den fairen Wert zeigt foliologic. im Plan Core (6 € pro Monat) und in Pro (9 € pro Monat).

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Häufige Fragen

Wie berechnet man den fairen Wert einer Aktie?

Ein einzelnes Verfahren gibt es nicht. Die gängigen sind der Discounted Cashflow (künftige freie Cashflows, abgezinst auf heute), Multiplikatoren wie KGV und EV/EBITDA (eine Kennzahl des Unternehmens mal ein Vergleichswert aus ähnlichen Unternehmen oder aus der eigenen Geschichte) und das Dividendenmodell nach Gordon (Dividende geteilt durch Diskontsatz minus Wachstum). Jedes braucht eigene Eingaben, und jedes Ergebnis gilt nur unter den Annahmen, die dabei getroffen wurden.

Warum kommen DCF und KGV auf verschiedene Werte?

Sie beantworten verschiedene Fragen. Der DCF leitet den Wert aus den Cashflows des Unternehmens und aus Annahmen zu Wachstum und Diskontsatz ab. Das KGV übernimmt, was der Markt für Vergleichsunternehmen zahlt. In der Beispielrechnung auf dieser Seite ändern zwei Prozentpunkte beim Diskontsatz den DCF-Wert von 19,36 € auf 14,46 € je Aktie, und eine andere Vergleichsgruppe verschiebt den KGV-Wert von 12,60 € auf 18,00 €.

Welche Methode eignet sich für welches Unternehmen?

Das hängt vom Geschäft ab. Der DCF setzt Cashflows voraus, die sich über Jahre abschätzen lassen. Das KGV braucht positive Gewinne, die für das Unternehmen typisch sind. EV/EBITDA hilft, verschieden verschuldete Unternehmen zu vergleichen. Das KBV ist bei Banken und Versicherern üblich, das Gordon-Modell bei Unternehmen, die regelmäßig einen spürbaren Teil des Gewinns ausschütten. Deshalb lohnt der Blick auf mehrere Verfahren nebeneinander und auf die Streuung zwischen ihnen.

Ist ein fairer Wert dasselbe wie ein Kursziel?

Nein. Ein Kursziel ist eine Erwartung, wo ein Kurs zu einem Zeitpunkt stehen kann. Ein fairer Wert ist das Ergebnis einer Rechnung unter bestimmten Annahmen und sagt nicht, ob und wann sich ein Kurs in seine Richtung bewegt. Er ist auch keine Anlageempfehlung.

Wie berechnet foliologic. den fairen Wert?

foliologic. rechnet bis zu vier Methoden nebeneinander (Ertrag, Cashflow, EV/EBITDA und, ab 2 % Ausschüttungsrendite, Dividende), gewichtet sie nach Aktientyp und zeigt, wie weit sie auseinanderliegen: unter 15 % Abweichung gilt die Übereinstimmung als hoch, von 15 bis 30 % als mittel, darüber als niedrig; dann zeigt foliologic. nur eine Spanne. Bei Unternehmen ohne Gewinn zeigt foliologic. keinen fairen Wert. Die Einzelheiten stehen auf der Methodik-Seite „Der faire Wert“.

In welchem Plan zeigt foliologic. den fairen Wert?

Im Plan Core (6 € pro Monat) und in Pro (9 € pro Monat). In Free ist die Anzeige gesperrt.


Weiterlesen: Der faire Wert (Methodik) · Der Health Score · Woher unsere Schwellenwerte kommen