Der faire Wert — bis zu vier Methoden, und wie sehr sie sich widersprechen
Stand: 11. September 2026
Ein fairer Wert ist eine Meinung mit Nachkommastellen. Jede Methode hat Annahmen, und je nach Annahme kommt etwas anderes heraus. Das ist kein Fehler der Methoden, das ist ihr Wesen. Diese Seite zeigt, welche Methoden wir rechnen, wie wir sie gewichten, wie weit sie im Schnitt auseinanderliegen — und wann wir gar keine Zahl zeigen.
Zwei Zahlen statt einer
Wir zeigen den fairen Wert doppelt: heute und in zwölf Monaten.
Der heutige Wert rechnet mit dem, was das Unternehmen aktuell produziert — laufende Gewinne, laufender Cashflow, laufende Ausschüttung. Der Zwölf-Monats-Wert rechnet dieselbe Formel gegen die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate.
Der Abstand zwischen beiden ist der interessante Teil. Bei einem stabilen Basiskonsumwert liegen sie fast aufeinander. Bei einem Unternehmen in einem schweren Investitionszyklus klaffen sie weit auseinander — und genau das macht sichtbar, dass man heute für etwas bezahlt, das erst später verdient wird. Liegt der Zwölf-Monats-Wert unter dem heutigen, ist das ein Hinweis auf einen Zyklus nahe seinem Höhepunkt.
Die vier Methoden
Vier Ansätze laufen parallel. „Bis zu vier" ist dabei wörtlich gemeint — es sind nicht immer alle.
Ertragsmethode. Ein branchenüblicher Gewinnmultiplikator, angepasst an Wachstum und Qualität des Unternehmens, angewendet auf den Gewinn je Aktie.
Cashflow-Methode. Derselbe Gedanke auf den freien Cashflow je Aktie, geglättet über drei Jahre, damit ein einzelnes Investitionsjahr das Ergebnis nicht kippt.
EV/EBITDA-Methode. Bewertet das gesamte Unternehmen inklusive Schulden statt nur den Eigenkapitalanteil. Das macht sie bei kapitalintensiven und verschuldeten Unternehmen belastbarer als eine reine Gewinnbetrachtung.
Dividendenmethode. Ein Dividenden-Wachstumsmodell — läuft erst ab einer Ausschüttungsrendite von 2 Prozent. Darunter liefert sie keine sinnvolle Aussage und wird nicht gerechnet.
Gewichtet nach Aktientyp
Ein Dividendenzahler wird anders gewogen als ein Wachstumswert ohne Ausschüttung. Die Einordnung passiert automatisch aus den Kennzahlen, nicht per Hand.
| Aktientyp | Ertrag | Cashflow | EV/EBITDA | Dividende |
|---|---|---|---|---|
| Dividendenaristokrat | 20 % | 20 % | 10 % | 50 % |
| Wachstumswert ohne Ausschüttung | 45 % | 25 % | 30 % | — |
| Qualitätswert ohne Ausschüttung | 35 % | 35 % | 30 % | — |
| Qualitätswert mit Ausschüttung | 30 % | 30 % | 20 % | 20 % |
| Zykliker | 40 % ¹ | 25 % | 15 % | 20 % |
| Bank oder Versicherer | 40 % | Buchwertmethode 40 % | — | 20 % |
| Alle übrigen, mit Ausschüttung | 30 % | 30 % | 20 % | 20 % |
| Alle übrigen, ohne Ausschüttung | 35 % | 35 % | 30 % | — |
¹ auf normalisierte Gewinne statt auf das laufende Jahr — bei einem Zykliker nahe dem Hoch erzeugt der aktuelle Gewinn sonst einen absurd großzügigen fairen Wert, nahe dem Tief einen absurd strengen.
Dazu kommen dokumentierte Branchenverschiebungen: Bei Versorgern und Kommunikationswerten, die ausschütten, wandert Gewicht zur Dividende. Bei Technologiewerten wandert es vom bilanziellen Gewinn weg, hin zu Cashflow und EV/EBITDA — weil dort Abschreibungen auf Zukäufe und aktienbasierte Vergütung den ausgewiesenen Gewinn stärker verzerren als in anderen Branchen.
Banken und Versicherer: die Buchwertmethode statt Cashflow
Für ein Finanzinstitut sagen freier Cashflow und EV/EBITDA praktisch nichts aus. Der operative Cashflow einer Bank bildet Einlagen- und Kreditbewegungen ab und schwankt um Milliardenbeträge, ohne etwas über die Qualität des Geschäfts zu verraten. EBITDA ist für ein Institut, dessen Geschäft aus Zinsen besteht, keine sinnvolle Größe.
Beide Methoden werden deshalb bei Finanzwerten durch die Buchwertmethode ersetzt. Für diese Unternehmen sind es also drei Methoden, nicht vier — und der Buchwert verhindert, dass ein außergewöhnlich gutes Kreditjahr als dauerhafte Ertragskraft durchgeht.
Die Übereinstimmungs-Bandbreite
Nach der Gewichtung stehen mehrere Zahlen nebeneinander. Statt nur das gewichtete Ergebnis zu zeigen, messen wir, wie weit die Methoden vom gewichteten Wert abweichen — und zwar mit denselben Gewichten wie die Blendung selbst:
Abweichung = √( Σ Gewichtᵢ · (Methodenwertᵢ − gewichteter Wert)² ) / gewichteter Wert
Das ist ein gewichteter Variationskoeffizient, kein Abstand zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wert. Der Unterschied ist Absicht: Eine Methode mit kleinem Gewicht kann die Einstufung nur anteilig bewegen, und eine zusätzliche Methode, die den anderen zustimmt, kann die Einstufung nie verschlechtern. Liefert nur eine einzige Methode ein Ergebnis, bleibt die Einstufung bei „mittel" — ohne Gegenprobe gibt es kein „hoch".
| Abweichung | Einstufung | Was wir anzeigen |
|---|---|---|
| unter 15 % | hoch | enge Spanne, die Methoden sind sich einig |
| 15 bis 30 % | mittel | mittlere Spanne, die Methoden stimmen grob überein |
| über 30 % | niedrig | weite Spanne, kein Punktwert als Überschrift — nur die Spanne, mit dem Hinweis, die Methoden einzeln anzusehen |
Die Bandbreite wird für den heutigen und den Zwölf-Monats-Wert getrennt bestimmt. Eine Aktie kann heute eindeutig und auf zwölf Monate uneindeutig sein.
Was dabei herauskommt
Rund die Hälfte aller Aktien im Universum bekommt gar keinen fairen Wert. Nicht, weil die Daten fehlen, sondern weil eine Bewertungsmethode, die Gewinne braucht, bei einem Unternehmen ohne Gewinne nichts Sinnvolles produzieren kann. Und innerhalb der bewerteten Aktien widersprechen sich die Methoden bei der Mehrheit deutlich.
Die genauen Werte werden jede Nacht neu berechnet. Den aktuellen Stand führt die Offenlegung.
Zwei Nenner, zwei verschiedene Aussagen. Wie oft sich die Methoden einig sind, wenn sie überhaupt rechnen, ist etwas anderes als der Anteil des Universums, der am Ende eine eindeutige Bewertung trägt. Wer nur den ersten Wert zitiert, macht aus einer Aussage über Methodenübereinstimmung versehentlich eine über Abdeckung.
Bei gut der Hälfte der bewerteten Aktien widersprechen sich die Methoden deutlich. Für diese Titel ist eine einzelne „Fair Value"-Zahl vor allem eine Entscheidung darüber, welche Unsicherheit man dir verschweigt. Wir halten das für den ehrlichsten Teil der Rechnung — nicht, weil Unsicherheit angenehm wäre, sondern weil sie da ist, ob man sie anzeigt oder nicht.
Wann wir gar keinen Wert zeigen
- Das Unternehmen ist unprofitabel. Ertrags- und Cashflow-Methode brauchen positive Erträge. Ohne sie gibt es keinen Punktwert, sondern den Hinweis, auf Umsatzmultiplikatoren aus der Branche auszuweichen.
- Das Ergebnis ist unplausibel. Liegt die Unterkante der Spanne oder der Punktwert um ein Vielfaches über dem Kurs, ist irgendwo eine Eingangsgröße korrupt — eine falsch skalierte Aktienzahl, ein Währungsfehler beim Anbieter. Wir verweigern die Zahl, statt sie zu veröffentlichen.
- Nur die Dividendenmethode hat gerechnet, und die Ausschüttungsquote ist unbekannt. Ohne Gewinn gibt es keine Quote, und ein Dividendenmodell als einzige Stimme hat dann weder eine Gegenprobe noch einen bekannten Umfang: Es ist unklar, welchen Teil des Unternehmens die Zahl überhaupt abbildet.
- Zu wenige Methoden liefern ein Ergebnis. Fehlen die Eingangsdaten für die verbleibenden Ansätze, wird nichts ausgegeben.
- Die Methoden widersprechen sich zu stark. Dann erscheint eine Spanne statt einer Zahl, ausdrücklich als solche gekennzeichnet.
Wie beim Health Score ist das keine Anzeigeregel, sondern Architektur: Wo die Rechnung verweigert, wird der Grund gespeichert, und keine andere Stelle im Produkt kann daraus nachträglich eine Zahl machen.
Was diese Methode nicht kann
- Die Zahlen verschieben sich täglich. Der faire Wert wird jede Nacht neu gerechnet. Die Verteilung oben wird deshalb beim Laden dieser Seite live abgerufen und trägt das Datum ihres eigenen Laufs — es steht keine getippte Zahl im Seitenquelltext, die still veralten könnte. Ende August lagen die Werte bei 12 / 27 / 61; Korrekturen Anfang September haben sie sichtbar verbessert.
- Der Zwölf-Monats-Wert fehlt für einen Teil der bewerteten Aktien. Bei kleineren und bei europäischen Werten ist die Abdeckung mit Schätzungen dünner. Diese Aktien zeigen nur den heutigen Wert.
- Die künftige Cashflow-Größe ist abgeleitet, nicht erhoben. Sie wird aus dem Verhältnis von Cashflow zu Gewinn fortgeschrieben. Für Unternehmen mitten in einem Investitionszyklus ist genau diese Annahme die schwächste im ganzen Modell.
- Zykliker an den Rändern ihres Zyklus bleiben schwierig. Die Normalisierung über mehrere Jahre mildert das, sie löst es nicht.
- Branchenmultiplikatoren aus dünn besetzten Branchen sind wackelig. Wo nur wenige vergleichbare Unternehmen existieren, verschiebt ein einzelnes den Median.
- Kein Analyst prüft einzelne Ausgaben vor der Veröffentlichung. Die Rechnung läuft automatisiert.
- Ein fairer Wert ist kein Kursziel. Er sagt nichts darüber, ob und wann ein Kurs sich in seine Richtung bewegt.
Wie wir die Qualität eines Unternehmens bewerten, steht auf der Seite Der Health Score; woher die Schwellenwerte stammen, auf Woher unsere Schwellenwerte kommen.